Mittwoch, Mai 25, 2005

Erinnert sich noch jemand?

An diese kleinen Papierpüppchen zum Ausschneiden? Für die man auch alle erdenklichen und unmöglichen Kleider ausschnippeln konnte. Ich hab die früher immer von Oma geschenkt bekommen. Die Frau war klug, sie wußte, daß ich damit für Stunden beschäftigt und somit ruhig sein würde. Das hätte sie mal meiner Mutter verraten sollen ...

Die Dinger gibt es auch virtuell, da heißen sie allerdings nicht mehr schnöde Papierpüppchen, sondern "Dollz" und es gibt haufenweise Seiten, wo man sich seine eigenen Püppchen zusammen basteln kann. Und schwupp, damit hat man Mirtana wieder stundenlang beschäftigt ... Ich mag Fummelarbeiten, selbst am Bildschirm, und ich war schon immer großer Fan von Basteleien jeglicher Art. Mit so etwas konnte ich mich endlos beschäftigen ohne daß mir die Geduld ausging. Eigentlich schade, daß ich auch das ganz vergessen habe. Gibt so viele Dinge und Talente, die ich einfach verdrängt habe. Seitdem ich irgendwo im Internet zufällig über diese "Dollzmaker" gestolpert bin, kommen viele Erinnerungen an die Dinge hoch, die ich als Kind gerne gemacht habe - wenn ich mich nicht gerade lesenderweise irgendwo in eine Ecke oder auch ins Grüne verzogen habe. Hat man mich eigentlich mal ohne Bücher gesehen? Selbst in langweiligen Schulstunden habe ich heimlich unter der Bank gelesen.

Erinnert sich noch jemand an "Slush Puppy"? Dieses komische Eisgetränk in den knalligsten Farben, das es in Pappbechern mit dem schielenden Hundewelpen zu kaufen gab? Gott, was waren mein Bruder und ich als Kinder verrückt nach dem Zeug, obwohl es im Grunde nach nichts außer Farbstoff schmeckte. Gibt's das überhaupt noch? Heute würde mir wahrscheinlich alleine von der Farbe schon schlecht werden.

Ach, es wird wieder Sommer und wenn ich Sommer höre, muß ich an ungezählte Familienurlaube in Ungarn denken. Wie mein Bruder mit meiner Mutter am Strand den ganzen Tag "Tropfsandburgen" gebaut hat und ich mit meinem Vater der Nase nach durchs Land gefahren bin und wir gemeinsam nach Fotomotiven gesucht haben. Ich sehe mich selbst auf dem Beifahrersitz, die Karte auf dem Schoß und vor jedem Straßenschild "Halt mal an, damit ich den Ortsnamen entziffern kann!" ausrufen. Je kleiner der Ort, desto länger der Name war die Faustregel. Die meisten von den winzigen Dörfern, die wir durchfahren haben, standen natürlich auf keiner Karte verzeichnet. Komischerweise haben wir trotzdem immer pünktlich zum Abendessen nach Hause gefunden ... Bin ich wirklich schon so alt, daß das über ein Jahrzehnt zurückliegt? Mit fünfzehn bin ich das letzte Mal mitgefahren, danach war immer Urlaub alleine bzw. in Jugendgruppen für mich angesagt.

Manchmal hat es Tage, da fühle ich mich fürchterlich alt. Heute ist einer dieser Tage, irgendwie. Und dann fehlen mir die verregneten Nachmittage mit Buch und Tee in meiner zehn Quadratmeter-Höhle im elterlichen Bau, die Stunden, die ich bei jedem Wetter mit Nachbars Hund durch die Wälder gestromert bin, das Volleyball-Training und morgens mit meinem Vater noch vor der Schule zum Schwimmen zu fahren. Gut, Schule und vor allem die meisten (nicht alle) meiner ehemaligen Schulkameraden fehlen mir ganz und gar nicht - wahrscheinlich würde ich die heute immer noch als genauso unangenehm empfinden wie damals auch.

Was hatten wir da auch für typische Exemplare der Gattung "Ich bin von Beruf Sohn/Tochter" und was gingen die mir in ihrer "Meine Eltern vergolden mir den Allerwertesten" Haltung auf den Keks. Das ich mit den meisten meiner Mitschüler nicht wirklich etwas anfangen konnte, ist die logische Schlußfolgerung daraus. Lediglich mit ein, zwei Mädels und etlichen von den Jungs (meist aus meinem Geschichts-LK) kam ich einigermaßen aus, der Rest hat mich überhaupt nicht interessiert. Das faszinierende daran, wenn man die anderen offensichtlich links liegen läßt und auch keinen gesteigerten Wert darauf legt "dazu zu gehören", dann wird das eigene Leben auf einmal so etwas von interessant, daß man sich selber fragt "wann hab ich denn so lange geschlafen, daß ich all diesen Spaß verpaßt habe?" Ich erinnere mich nur an unsere Abschlußfahrt in der Dreizehn - mit dem Deutsch-LK nach München - auf der ich nachher etwas mit dem jungen und sehr netten Busfahrer gehabt haben soll ...

Diese Abschlußfahrt, irgendwie liegt das meiste davon unter einer sanften Decke aus Rauch verborgen, der fast jeden Abend aus meiner, ebenfalls auf dieser Fahrt erstandenen und wohlgemerkt auch ersten eigenen, Bong entwich. Woran ich mich jedoch noch sehr gut erinnern kann, war die Diskussion, welches Ziel es denn nun sein dürfe. Leider hat Berlin damals ganz knapp gegen München verloren, es waren zu viele Mädchen, die wohl München "High-Society" trächtiger fanden als Berlin, in diesem Kurs. Tja, Berlin wäre allemal kulturell und historisch interessanter gewesen als dieses zwei Millionen Einwohner zählende Riesendorf am Rande der Alpen. Und weil unsere Deutschlehrerin ja auch eine sehr preisbewußte Frau war, gab es ein nettes Komplett-Angebot inklusive Hotel, Besuch des komischen Movieparks (ja, wie heißt denn dieser Filmpark irgendwo vor München doch gleich? Ich hab's vergessen), einem Tagesausflug zum Tegern See und, man höre und staune, Eintrittskarten für Arabella. Da mußte ich als 18jährige auch unbedingt hin ala "Bin ich getz im Färnsähn?" Tolle Erfahrung, fast einen gesamten Deutschkurs mit fast dreißig Leuten gegen sich zu haben, weil ich da nicht hin wollte. "Für so einen Scheiß bezahl ich kein Geld" war damals mein Hauptargument. Schweigende Unterstützung bekam ich auch nur von einem Mitschüler, der dann statt mit der Masse ins Fernsehen zu tigern mit mir nach Dachau gefahren ist. Hat mir den Widerwillen des Deutschkurses, den Ruf "uncool" zu sein und den Respekt der begleitenden Lehrer eingebracht.

Ja, manchmal hätte ich die Zeit gerne wieder. Was ich nicht gerne wieder haben möchte, ist all die Wut und der Zorn, den ich als Teenager mit mir rumgeschleppt habe. Einen Tag Zeitreise in die Vergangenheit und mit meinem heutigen Ich noch einmal einen Tag meiner Jugend erleben, das wär was ... Danach wär ich wahrscheinlich kuriert davon, noch einmal siebzehn sein zu wollen. Kommt wer mit?

4 Wolfsspur(en):

Blogger abraxa meint dazu ...

jep, aber bei mir muss es schon etwas weiter zurück, damit die zeitspanne wieder passt... 17, das war doch erst gestern, oder? obwohl, ich hab auch mit 17 diesen nebel... mitten in einer Physik-Stunde sitzen in der was gezeigt wird und sich die ganze zeit nur über die Tollen Wellen freuen... auf einmal gute Noten für interpretationen von Kunstbildern bekommen... vielleicht sollte cih so mal versuchen zu programmieren, vielleicht macht der Job das wieder Spaß *grins*

8:16 vorm.  
Blogger Niela meint dazu ...

Das ist ja alles schön und gut liebe Miranda, aber wo ist denn nun jetzt der Link zu diesem Dollzmaker?

Nein Quatsch, ich kann dir ganz genau nachfühlen... Mich überkommt teilweise auch ein Schaudern, wenn ich mich an etwas erinnere, dass mir vorkommt wie gestern, dabei ist es an die 10-15 Jahre her *staun*... Ich fühl mich so unerwachsen und nicht anders als vor 10-15 Jahren teilweise, dass ich darüber nur staunen kann...

Kennst du das Gefühl, wenn du durch "deine" Wohnung gehst und es dich plötzlich überkommt, dass das wirklich dein Zuhause ist, du bestimmst was in welchen Schrank gehört und du hier nicht nur irgendwie zu Besuch bist... Manchmal überkommt es mich genau in dieser Art und ich muss mir richtiggehend bewusst machen, dass ich jetzt auf die 30 zugehe und seit gut 7 Jahren einen eigenen Haushalt führe...

8:39 vorm.  
Blogger abraxa meint dazu ...

andersrum aber genauso. wenn jemand sich versucht ins leben einzumischen schrillen sofort alle alarmglocken. man ist schließlich mittlerweile erwachsen.

also eigentlich sind beide seiten der Medallie irgendwie bekannt...

10:48 vorm.  
Blogger Mirtana meint dazu ...

Oh ja, Niela. Das Gefühl kenne ich ;)

4:46 nachm.  

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