Montag, Januar 24, 2005

Ein Wintertag

Angesichts der knackigen Temperaturen draußen und der Berichte über plötzliche Wettereinbrüche, Verkehrschaos und Blitzeis fiel mir eine Geschichte ein, die ich an einem gar nicht so kalten Tag des fast noch frischen Jahres 2005 in einem kleinen Buch mit Weihnachtsgeschichten und -gedichten gefunden habe. Who knows, vielleicht verzaubert sie Euch ähnlich wie sie mich verzaubert hat.

Ein Wintertag

Nun war vier Nächte und drei Tage fast ununterbrochen Schnee gefallen, ein guter, kleinflockiger, haltbarer Schnee, und in der letzten Nacht war er fest gefroren. Wer nicht täglich vor seiner Tür gefegt und geschaufelt hatte, war jetzt belagert und mußte zur Hacke greifen, um Hauseingang, Kellertor und Kellerluken freizulegen. So war es vielen im Dorf gegangen, und sie werkelten murrend vor ihren Häusern, in Schaftstiefeln, Fausthandschuhen und Wolltüchern, um Kopf und Ohren gewickelt. Die Ruhigen freuten sich, daß der große Schnee vor dem Frost gekommen war und die bedrohten Wintersaatfelder schützte. Aber hier wie anderwärts sind die Ruhigen in der Minderzahl, und die meisten schimpften weinerlich über den harten Winter, rechneten einander ihren Schaden vor und erzählten Schauergeschichten von ähnlichen strengen Jahrgängen.

Doch im ganzen Dorf waren kaum zwei oder drei Leute, denen dieser wundervolle Tag nicht von Sorgen und Ärger, sondern vielmehr von Freude, Glanz und Gottesherrlichkeit sprach. Wer konnte, blieb im Haus und Stall, und wer hinaus mußte, wickelte Frostlappen um Kopf und Seele und ließ seine Sehnsucht keine anderen Wege gehen als zurück zur Ofenbank, wo zwischen den grünen Kacheln die gegossene, eiserne Wärmeplatte glühte. Und doch war es ein Tag, den die Stadtleute keinem Maler glauben würden, viel jubelnder, blauer und blendender als der lachendste Hochsommertag.

An solchen Tagen ist es unmöglich, ans Nachtwerden zu glauben, und wenn am Ende doch die Dämmerung sinkt, ist es wie ein Märchen- und Wunderwerk, zu sehen, wie all der gleißend kühne Glast sich langsam hinibt, müde wird und seine Hülle sucht, obwohl nach diesen Tagen die Nächte niemals völlig dunkel werden. Und auch darum sind solche Schneetage so lang, weil der reine Winterhimmel und die Unbändigkeit des Lichtes uns klein und froh und zu Kindern macht, so daß wir noch einmal die Erde im Glanz der Schöpfung sehen und noch einmal ohne Bewußtsein der Zeit, wie Kinder hinleben, von jeder Stunde überrascht und keines Aufhörens gewärtig.

So ging es mir, als ich gegen Ende des Tages, von einer weiten Wanderung zurückkehrend, beim Verlassen des Waldes mein Dorf im roten Abenddufte daliegen sah. Ich hatte schneidend kalte, freie Höhen besucht, von denen ich die Hügelzüge, Wälder, Ackerland, See und ferne, blanke Alpengipfel betrachtete, und war durch todesstille, bläuliche Winterwälder gestreift, wo außer dem ängstlichen Seufzen überladener Stämme kein Laut zu hören war. Ich hatte im Bergwald den roten, vorsichtigen und doch dreisten Fuchs und am Ried die dunklen Wildenten belauscht, war über eine Stunde lang einem Schwarzspecht nachgelaufen und hatte an einer steif verwehten Hügellehne die kleine Leiche einer erfrorenen Goldammer gefunden. An einer bevorzugten Stelle hatte ich, zwischen Föhrenstämmen durch, den wie ein Juwel gleißenden Gipfel des Glärnisch gesehen, war auf dem doppelten Lodenboden meiner Winterhose manchen schrägen Hang hinabgeschlittert und den ganzen Tag, mit Ausnahme des Forsthüters, keinem Menschen begegnet. Aber alleine war ich nicht gewesen, denn an diesem Wundertage wogte und leuchtete die Luft an jedem Orte von der Gegenwart Gottes.

Und nun schritt ich müde und fröhlich heimwärts in der schon beginnenden Dämmerung, ein wenig steif in den Beinen und ziemlich ausgehungert, aber innig zufrieden. Wie viel Tage gibt es denn in unserem Leben, die einen Schatz bedeuten und von denen wir wissen, daß sie gut und rein und köstlich waren und daß wir sie nicht vergessen werden? Heut war so ein Tag, so ein reiner, köstlicher, unvergesslicher, und der ist hundert halb gelebte und vergessene Tage wert. Und in der Dämmerung, auf der schneebedeckten, blaß leuchtenden Straße ging etwas Kleines vor mir her, das ich einzuholen suchte. Als es noch vielleicht hundert Schritte entfernt war, erkannte ich es als einen kleinen Buben, der auf dem Kopf die viel zu große Nebelkappe seines Vaters und in der Hand einen Eimer trug. Im selben Augenblick, da ich ihn deutlich zu sehen vermochte, begann ich auch ihn zu hören; er sang nämlich. Eine Weile suchte ich vergeblich zu erraten, was er singe, denn er ging wegen der Kälte sehr rasch, und ich hörte nur einzelne Töne. Dann kam ich ihm näher und hielt mich von da an unbemerkt hinter ihm. Er lief eilig, die linke Hand tief in die Tasche gebohrt, und er stolperte öfter aufder rauh und ungleich gefrorenen Straße. Aber er sang unaufhörlich, eine Viertelstunde und eine halbe Stunde lang und noch länger, als wir am Dorfe waren und er in die erste, schon dunkle Gasse entschwand.

Immer mußte ich nachdenken und mich besinnen, was für ein Lied es doch wäre, das er sang. Es klang wie ein rechtes Abendlied zu diesem Tage, wie ein Lied aus unvergesslich reichen, doch fernen und dunkel gewordenen Kinderzeiten. Der Knabe sang keine Worte, er sang nur la und li und lo, aber es war immer dieselbe Melodie, nur ein wenig verändert, jedesmal ein klein wenig anders. La li-la lo; und die Melodie war so bekannt, so selbstverständlich, daß ich leise mitsingen mußte, aber das Lied kannte ich nicht. An solchen Wundertagen, wo Gott an jedem Wegrand gegenwärtig ist, hört man viele Töne und sieht viele Dinge, die einem oft gehört und oft gesehen und wohlbekannt erscheinen, und man hat sie doch nie gehört und nie gesehen.

Hermann Hesse

1 Wolfsspur(en):

Blogger abraxa meint dazu ...

wow.

diese geschichte hat mir eine gänsehaut über den Körper gejagt.

wunderschön.

7:40 vorm.  

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