Mittwoch, Juni 29, 2005

"Du riechst nach Pferd"

Zwanzig Minuten Fußmarsch von hier, hoch in Richtung Bottrop Kirchhellen, liegt ein Reiterhof, dessen Koppeln kreuz und quer durch den Wald verstreut sind. Ich laufe gerne abends dort entlang, wenn die Sonne nicht mehr vom Himmel brennt, die Sonne lange Schatten wirft und der Staub im goldenen Licht tanzt. Auf einer Koppel stehen zwei braune Wallache. Wunderschöne Tiere mit langer, schwarzer Mähne, die ihnen bis zu den Augen reicht, was ihnen ein keckes Aussehen verleiht. Ich stoppe gerne dort am Zaun und beobachte die beiden Hübschen, wie sie langsam vorwärts gehen, die Köpfe am Boden, und friedlich grasen. Ab und an schauen sie hoch, als ob sie nachschauen wollten, ob der Mensch da am Zaun immer noch da ist und sie beobachtet. Sie sind neugierig. Ich rühre mich nicht, ich stehe einfach still am Zaun, die Arme auf der obersten Latte verschränkt. Bis sie vor mir stehen und neugierig an mir herumschnuppern. Der kleinere Wallach hat bald genug von mir und trollt sich. Doch der größere bleibt bei mir stehen und seine Nase kitzelt mich am Hals. Sanft puste ich ihm in die Nüstern und ich habe diesen warmen, satten Geruch nach Pferd in der Nase, der Erinnerungen an Zeiten wachruft, die schon lange vergangen sind. Der Wallach untersucht nun meine Hosentaschen, ob ich dort nicht doch etwas leckeres versteckt habe. Er schubst mich vorsichtig mit dem Kopf an, als ob er sagen wollte, daß ich doch nicht einfach ohne Leckerli auftauchen könne.

Zu meinem Glück kommen keine Spaziergänger vorbei, ich muß einen ziemlich verrückten Anblick bieten, so wie ich da am Zaun gelehnt stehe, mit einem Pferd schmuse und ihm von seinen Artgenossen in der ungarischen Puszta erzähle. Plötzlich schnaubt der Wallach und trabt ein paar Schritte vom Zaun weg. "Was machst du da mit meinem Sundown?" fragt mich eine tiefe männliche Stimme mißtrauisch. "Wir haben uns unterhalten," gebe ich ungerührt zurück, ohne mich umzudrehen, als sei es das normalste der Welt, sich mit Pferden zu unterhalten und ihnen davon zu erzählen, was für ein Gefühl es ist, ohne Sattel im vollen Galopp über die ungarische Steppe zu preschen, das Donnern der Hufe im Ohr, den Staub, den vierzig Jährlinge nun einmal aufwirbeln, im Gesicht, die tiefstehende Sonne am Horizont, die alles in ein rotes Licht taucht und die Leichtigkeit, mit der sich das Pferd unter einem bewegt, zu fühlen. "Daß das ein bißchen verrückt klingt, ist dir aber schon klar, oder?" fragt mich der Mann, zu dem die Stimme gehört, und tritt neben mich an den Zaun. "Was heißt schon verrückt?" sage ich und drehe den Kopf, um den Neuankömmling anzusehen. Ich schätze ihn Mitte dreißig, unter seinen dunklen Haaren blitzen mich ein paar tiefblaue Augen neugierig an, er ist einen guten Kopf größer als ich, schlank und trägt verwaschene Jeans und ein schlichtes schwarzes T-Shirt. In der linken Hand hält er zwei Halfter. "Ich glaube, Sundown mag dich," der Unbekannte deutet auf den Wallach, der neugierig näher kommt. "Kommst du öfter hier her?" fragt er mich weiter aus, so ganz geheuer scheine ich ihm wohl nicht zu sein. "Manchmal. Ich beobachte die Pferde gerne," beantworte ich seine Frage. "Und redest mit ihnen," fügt er hinzu und lächelt mich an. "Magst du mir helfen, die beiden Racker einzufangen?" er hält mir ein dunkelblaues Halfter hin. "Sicher," ich nehme ihm das Halfter aus der Hand. "Aber sei ein bißchen vorsichtig, Sundown mag keine Halfter," erklärt er mir.

Ich schlüpfe durch das Gatter und gehe langsam auf den Wallach mit dem Namen Sundown zu. Er tänzelt weg von mir als er das Halfter in seiner Hand sieht. Aus den Augenwinkeln sehe ich, daß der Unbekannte einige Mühe hat, den kleineren Wallach einzufangen. Immer wieder trabt er davon, dreht sich um, läßt seinen Besitzer ein paar Meter näher kommen um dann das Spiel wieder von vorne zu beginnen. Ich habe keine Lust, hinter einem Pferd herzurennen, also greife ich in meine Tasche und klimpere mit meinem Schlüssel. Sundown beobachtet mich mit schiefgelegtem Kopf und gespitzten Ohren. Ganz ruhig bleibe ich einfach stehen und lasse ihn näher kommen, halte ihm das Halfter hin und rede leise mit ihm. Er läßt sich zwischen den Ohren kraulen, jedoch nicht, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen. Ich lasse mir Zeit und seltsamerweise läßt sich Sundown nach einer Weile das Halfter anlegen ohne mit der Wimper zu zucken. Der Unbekannte hat seinen Racker mittlerweile auch eingefangen und schaut mich fragend an, als ich Sundown am Halfter zum Gatter führe. "Hast wohl viel Erfahrung mit Pferden, was? Reitest du auch?" fragt er, während er das Gatter öffnet. "Nein, ich habe früher, als Teenager, oft im Pferdestall rumgehangen, aber wirklich Ahnung von Pferden habe ich nicht, geschweige denn, daß ich richtig reiten kann. Pferde und ich, wir einigen uns mehr darauf, daß es sinnvoller ist, in die Richtung zu traben, die ich gerne hätte," grinse ich zurück. "So, wie du mit ihm umgehst, hätte ich eher vermutet, du verbringst deine ganze Freizeit mit Pferden," er lacht mich freundlich an. "Magst du ihn zum Stall reiten?"

Er hilft mir auf den Pferderücken, ohne Sattel komme ich da nicht hoch. Es fühlt sich ungewohnt an, mal wieder auf einem Pferd zu sitzen, dazu noch ungesattelt und statt einer Trense nur ein Halfter an das eine Halteleine befestigt ist. Mir ist ein bißchen mulmig zu mute. Während die Pferde so nebeneinander den Weg entlangtrotten, unterhalten wir uns. Gerade so, als würden wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen. Ich erfahre, daß er verheiratet ist, seine Frau nicht viel für Pferde übrig hat, er als Webdesigner arbeitet und oft mit seinen beiden Pferden Sundown und Azzuro Westernshows besucht. Mir ist durchaus bewußt, daß wir nicht auf direktem Weg zum Stall reiten, wir schlagen stattdessen einen großen Bogen. Fast zwei Stunden waren wir unterwegs. Ich helfe ihm noch, die Pferde zu putzen und zu füttern, bevor ich mich verabschieden will. "Soll ich dich nicht fahren? Es wird gleich dunkel," bietet er mir an, doch ich lehne freundlich ab, ich möchte gerne laufen und dabei noch ein bißchen dem Gefühl, mal wieder auf einem Pferd gesessen zu haben, nachhängen. "Warte mal," sagt er leise und ich drehe mich zu ihm um. Er tritt einen Schritt auf mich zu und streicht mir eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Hand ist warm und mir gefällt diese Geste. In seinen Augen kann ich lesen, daß es Absicht ist, daß er die Hand nicht wegnimmt. "Sehe ich dich mal wieder?" will er wissen. "Vielleicht," entgegne ich und versuche, nicht in diesen tiefen blauen Augen zu versinken. "Bei den Pferden? Wenn der Abend schön genug für einen kleinen Ausritt ist?" fragt er weiter. Ich antworte nicht. So stehen wir eine Weile schweigend dort auf dem Weg, während die sinkende Sonne immer längere Schatten malt. Als wäre ich verzaubert, irgendwie kann ich mich nicht einfach verabschieden und gehen.

"Wir dürfen das nicht, du bist in einer Beziehung und ich bin verheiratet," mit diesen Worten durchbricht er das Schweigen. "Was dürfen wir nicht?" entgegne ich. "Das," sagt er, zieht mich mit einer Hand an sich während die andere Hand immer noch an meiner Wange ruht. Dann küßt er mich, vorsichtig und auf eine Art schüchtern. Als hätte er Angst, daß man ihm jeden Moment einen Stromschlag versetzen würde. Dieser Kuß ist der perfekte Abschluß eines Abends, der nüchtern betrachtet aus einem kitschigen Heimatfilm hätte stammen können. Gar nicht nüchtern betrachtet war er mehr eine Reise in eine andere Welt, in der Sorgen keinen Zugang haben. Irgendwann löse ich mich aus dem Kuß. Er ist nicht böse, wie es scheint, er lächelt mich an. Als würde er das gleiche darüber denken wie ich. "Komm gut nach Hause," sagt er und läßt mich los. Ich lächel zurück, drehe mich um und gehe nach Hause. Auch wenn ich nicht noch einmal zurück schaue, ich weiß, daß er dort steht und mir nachsieht, bis ich um die Ecke verschwunden bin.

Mit jedem Schritt gehe ich nicht nur weiter Richtung des Hauses, in dem ich wohne, sondern auch in Richtung Realität. Ich bin wieder aufgewacht, als ich den Schlüssel herumdrehe und den Flur betrete. Der Herzallerliebste kommt mir entgegen. "Wo warst du denn, du riechst ja wie ein Pferd!" ruft er aus, als er mich in die Arme schließt. "Ich war ja auch bei den Pferden," entgegne ich. "Du strahlst ja so," bemerkt er und schaut mich an. "Ja, ich bin gerade von einem Cowboy zu einem Ausritt entführt und zum Abschied geküßt worden," erkläre ich. "Ach so ist das. Muß ich mir jetzt auch ein Pferd anschaffen, damit du mich küßt?" der Herzallerliebste grinst bis über beide Ohren, er kennt mich gut genug um zu wissen, daß ich nicht scherze. "Nee, Pferd auf dem Balkon wäre wohl ein bißchen albern," ich grinse zurück, küße ihn und verschwinde in Richtung Dusche.

Der Herzallerliebste und mein frischgeduschtes Ich liegen auf dem Sofa und schauen "Desperate Housewifes", als ich ihn frage, ob er mir böse sei. Warum er böse sein solle fragt er. Naja, immerhin hab ich einen anderen geküßt. Ich zucke mit den Schultern. "Du hättest dich eben sehen sollen, als du durch die Tür kamst. Du hast so schön ausgesehen und du hast gestrahlt, so als ob du ganz bei dir gewesen bist. Außerdem, wer würde dich nicht küssen wollen, wenn du so ausgeglichen aussiehst?" erklärt er, nimmt mich fester in den Arm und so lachen wir gemeinsam darüber, wie Edie Brit der armen Susan Mayers die Asche der verstorbenen Martha Huber ins Gesicht kippt.

Das Gewitter, das gerade hier nieder gegangen ist, hat mich aufgeweckt. So sitze ich nun vor dem Rechner, im Herzen dieses allumfassende und warme Gefühl für den Menschen, der in meinem Bett liegt und leise vor sich hin schnarcht, und mir ist während des Tippens aufgefallen, daß ich den Unbekannten nicht einmal gefragt habe, wie er eigentlich heißt ... Was spielt es auch für eine Rolle, ob es zu dem Gesicht und diesem Abend einen Namen gibt oder nicht? Der jenige, der eine Rolle in meinem Leben spielt, liegt in meinem Bett und wird aller Wahrscheinlichkeit nach im Schlaf das ganze Bett für sich beansprucht haben. Und genau dahin werde ich mich jetzt begeben, ihn vorsichtig zur Seite schieben und mich in seinen breiten Rücken kuscheln.

2 Wolfsspur(en):

Blogger abraxa meint dazu ...

*breit lächle*

wunderschön geschrieben, faszinierend, was du so alles erlebst :-)

liebe Grüße. und besorg dir mal nen eigenen internetfähigen rechner, damit du nicht immer deinen herzallerliebsten davon verscheuchen musst :-)

11:31 vorm.  
Blogger Mirtana meint dazu ...

Hehe, der Herzallerliebste läßt sich aber so gut scheuchen ... So gerne ich einen zweiten Rechner hätte, leider gibt es vorher wichtigere Dinge so wie eine funktionierende Waschmaschine, Küchenmöbel, Wohnzimmermöbel, etc. pp ... Und bis jetzt liegt auch noch kein Telefonkabel da oben, also wirds noch ein bissel dauern bis wir wieder Internet haben ... Dafür hats ein kleines Internet-Cafe unten an der Ecke ;)

Tja, ich weiß auch nicht, manchmal passieren mir solche Tage, die irgendwie fernab jedweder Realität scheinen. So "Was wäre wenn" Tage eben ;)

11:00 nachm.  

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