Donnerstag, Juli 07, 2005

London

Normalerweise nehme ich selten bis gar nicht Stellung zum aktuellen Weltgeschehen, weil ich einfach für mich beschlossen habe, daß ich nicht gut darin bin über Politik zu schreiben. Die Spirale der Gewalt hat erneut zugeschlagen und diesmal hat es London getroffen. Ich weiß die aktuelle Zahl der Toten und Verletzten nicht, wahrscheinlich wird sie schon wieder höher liegen als die Zahlen, die um acht Uhr in der Tagesschau bekannt gegeben wurden. Die Bilder schockieren, man fragt sich, wie Menschen zu so etwas fähig sein können, man ist wütend über die Feigheit und die Tatsache, daß es wieder einmal Unschuldige getroffen hat, man ist betroffen und gleichzeitig froh, daß es nicht in Berlin, Hamburg, München oder vielleicht sogar in der direkten Nachbarschaft geschehen ist.

Bilder von Politikern flackern über den Bildschirm, man hört von "Wir lassen uns davon nicht unter Druck setzen", "Wir werden uns von diesen Menschen, die unsere westlichen Werte mißachten, nicht davon abbringen lassen, diese Werte zu verteidigen", "Wir müssen unsere Bemühungen verteidigen", und und und ... Vom "gemeinsamen Schulterschluß gegen den internationalen Terrorismus" ist die Rede, von Solidarität, die überall von Politikern mit ernsten Gesichtern bekundet wird, davon, daß der "Kampf" weiter geführt werden müsse. Forderungen werden laut, das Problem endlich an der Wurzel zu packen, von Wut und Angst kann man in Newsgroups und Foren lesen. Uns wird versichert, daß Deutschland weitestgehend sicher sei, daß man wachsam sei. Doch mal im Ernst, wie will man eine Großstadt gegen einen terroristischen Anschlag schützen? Wie wachsam ist man wirklich? Und was würde uns diese Sicherheit an persönlicher Freiheit kosten?

Spätestens nächste Woche wird der Anschlag Alltag sein, er ist eben passiert und jetzt herrscht wieder Ruhe. Bis zum nächsten Mal. Wer redete denn bis gestern noch von dem Anschlag letztes Jahr in Madrid? Die Bedrohung tritt im Alltag in den Hintergrund, bis wir schmerzhaft wieder daran erinnert werden, daß wir nicht sicher sind und niemand uns völlige Sicherheit garantieren kann. Wie auch? Plötzlich halten wir den Atem an und schauen nach London, während uns ein mulmiges Gefühl überfällt beim Fahren mit der U-Bahn oder mit dem Bus, genauso wie nach dem 11. September die Angst mit im Flugzeug saß. Die Sicherheitsvorkehrungen werden verschärft, doch ich frage mich, was das bringen soll - außer den besorgten Bürger zu beruhigen. Wir können uns nicht schützen, auch wenn unsere Politiker sich kurz von ihrem Wahlkampf abwenden und uns mit markigen Schlagworten das Gegenteil versichern. Mich regen diese markigen Reden und Sprüche einfach auf, ich mag kein inhaltsleeres Gerede. Wer hat allen Ernstes Bush geglaubt, als er verkündete, Amerika würde gegen den Irak vorgehen um die Menschen dort zu "befreien"?

Wir wenden unseren Blick nach London, so wie letztes Jahr nach Madrid, und rufen danach, "das Übel an der Wurzel" zu packen. Ja, welches Übel denn genau? Al Qaida? Den islamischen Fundamentalismus? Den Terror? Es gibt keine einfache Lösung, auch wenn wir uns das wünschen. Es gibt auch keine Lösung, die wir den "bösen" Ländern aufdrücken können. Die einzige Lösung, die einzige Änderung kann nur von den Menschen ausgehen, für die Al Qaida und ähnliche Organisationen angeblich kämpfen. Von Menschen, die in den Ländern leben, wo Al Qaida und Co Unterstützung und Unterschlupf finden und ihre Mitglieder rekrutieren. Diese Menschen müssen dafür einstehen, daß sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern und auch der Islam mit der Zeit geht, daß niemand sie mehr mittels des Korans machtpolitisch mißbrauchen kann. Daß sie selber entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen und in einem Land leben können, in denen ihre Menschenrechte nicht mit Füßen getreten werden.

Die Wut und die Angst der Menschen in Europa ist verständlich, ebenso wie der Ruf danach "daß endlich etwas getan werden muß". Aber was kann denn getan werden? Was kann man tun, damit sich die Spirale der Gewalt nicht weiter dreht? Al Qaida ist eine reale Bedrohung, gegen die wir uns nicht effektiv schützen können. Sicher, wir können wieder einem Staat im nahen Osten den Krieg erklären, die dortige Regierung absetzen und dafür eine installieren, die uns gewogener erscheint. Doch nützt das was? Wir sind der Feind, der unschuldigen Menschen Bomben auf den Kopf wirft. Unsere "Gegenmaßnahmen" sind perfekte Objekte für Propaganda, die den Keil noch tiefer treibt und die Menschen gegen uns aufbringt, dem Fanatismus und dem Haß noch mehr Nahrung gibt und Rechtfertigung für weitere Terroranschläge liefert. Weitere Terroranschläge führen zu mehr Krieg? Die Spirale der Gewalt hat sich erneut gedreht?

Diese Anschläge sind feige und sie treffen dort, wo wir verwundbar sind. Sie säen Schrecken und Angst. Sie töten und verletzten Unschuldige. Wir fragen anklagend "Warum?" Menschen anderen Menschen das antun können. Haben Terroristen kein Gewissen, keine Familie, keine Freunde? Was sind das für Menschen, die anderen, die ihnen nie etwas getan haben, so etwas antun können? Wir können uns nur sehr, sehr schwer vorstellen, was uns dazu treiben würde, uns eine Bombe um den Bauch zu binden und uns an einem belebten Platz selber in die Luft zu sprengen. Doch was ist, wenn man unsere Familien, unser Zuhause, unsere Freunde, unser Leben bedroht? Wenn uns jeden Tag erzählt werden würde, daß die USA, Großbritannien, Spanien, Deutschland oder welches Land auch immer, unseren Glauben und unsere Art zu leben vernichten will? Wenn wir aufwachsen in einer Gesellschaft, in der andere Werte gelten. In der Frauen mancherorts den Tod fürchten müssen wegen eines Kusses oder weil sie einer Tochter das Leben geschenkt haben. In der wir nicht selber entscheiden dürfen, was oder an wen wir glauben? In der einige wenige Menschen ein uraltes Buch mit veralteten Vorschriften dazu mißbrauchen, ihre Mitmenschen zu unterdrücken und mit Angst und Terror regieren? In der Mütter stolz verkünden, daß es für sie eine Ehre wäre, würde der geliebte Sohn im "Heiligen Krieg" fallen. In der die geliebten Söhne schon von Kindesbeinen an lernen, daß Frauen Menschen zweiter Klasse sind. In der es tödlich sein kann, wenn die eigene Meinung von der des Regimes abweicht? In der Tod und Folter drohen, wenn man sich nicht an die Gesetze hält? In der man weisgemacht bekommt, daß nur durch "Heiligen Krieg" die Familie und das Land geschützt werden kann? In der ein gefallerner Kämpfer im Heiligen Krieg in den Himmel kommt, ein Märtyrer ist? Hatten wir nicht auch in unserer eigenen Geschichte eine ähnliche Zeit?

Jede Münze hat zwei Seiten. Unsere Seite ist die der Angst, der Wut, der Betroffenheit und der Frage, wie und ob wir uns schützen können. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die in einen "Heiligen Krieg" ziehen, die von anderen mißbraucht werden damit alte, verkrustete Strukturen aufrecht erhalten werden können, damit Machtinhaber auch weiterhin Machtinhaber bleiben können. Ich kann mir nur sehr schwer vorstellen, wie sehr man einen Menschen in seinem Denken derart beeinflussen kann, daß er sich selber tötet in dem Bestreben, möglichst viele Menschen dabei mit in den Tod zu reißen. Unsere Politiker reden vom "Kampf gegen den Terrorismus", die Gegenseite von einem "Heiligen Krieg". Wer hat Recht? Und was ist zum Beispiel mit den Muslimen, die ebenso bestürzt und betroffen sind wie wir auch? Die vielleicht nie aussprechen würden, daß sie diese Anschläge verurteilen, weil sie dann um ihr eigenes Leben fürchten müßten?

Auch ich blicke mit Bestürzung und Betroffenheit nach London und bin gleichzeitig dafür dankbar, daß ich in einem Land aufwachsen durfte und leben darf, ich dem ich kein Mensch zweiter Klasse bin. In dem ich auch als Mädchen die Schule besuchen darf. In dem ich die Möglichkeit habe, mir einen Beruf zu erwählen. In dem ich frei entscheiden darf, an was oder wen ich glaube. In dem ich Kritik äußern darf ohne um mein Leben fürchten zu müssen. In dem ich den Führerschein machen darf. In denen mir niemand Bomben auf den Kopf wirft weil meine Regierung die Menschenrechte mißachtet (oder reiche Ölvorkommen hat ...). In dem ich mich anziehen kann wie ich möchte. In dem ich eine eigene Meinung haben und vertreten darf.

Die Spirale der Gewalt wird sich weiterdrehen und es sieht nicht so aus, als ob wir sie aufhalten können. Was können wir auch tun, damit der nächste Anschlag nicht einer unserer Großstädte gilt? Wie können wir eine veraltete und fundamentalistische Denkweise entschärfen, die den Nährboden für solchen Haß gibt ohne die Gewaltspirale weiter zu drehen? Uns zwar distanzieren und protestieren, wenn unsere näheren und weiteren Nachbarn wieder in einen Krieg ziehen? (Obwohl, ich war damals regelrecht stolz, daß unsere Regierung den Irak-Krieg trotz Mißfallens der Amerikaner ablehnte und sich daran nicht beteiligte). Es gibt nichts, daß ich tun kann, um Al Qaida und Co den Nährboden zu entziehen. Auch unsere Politiker scheinen nicht recht zu wissen, wie das gehen soll. Und das macht mich genauso betroffen und nachdenklich wie die Bilder aus London ...

2 Wolfsspur(en):

Blogger abraxa meint dazu ...

ich kann dir hier wirklich einfach nur zustimmen. *zustimm*

11:14 AM  
Anonymous Malte meint dazu ...

guter Text; mir ist das selbe durch den Sinn gegangen.

5:21 PM  

Kommentar veröffentlichen

<< Home